Türkei-Panorama 2017-2

"Die NATO trauerte niemals um ihr Mitglied, das den Terrororganisationen IS und PKK seit Jahren hunderte von Soldaten und Polizisten und tausende Zivilisten opferte, doch für den Angriff auf eine Silvesterparty trauerte sie."

Türkei-Panorama 2017-2

Ein Kommentar von Erdal Şimşek, ehemaliger Kriegsreporter.

 

Nach etwa zwei Wochen wird der designierte US-Präsident Donald Trump sein Amt übernehmen. Je mehr dieser Tag heranrückt, desto mehr häufen sich weltweit terroristische Handlungen. Terrorgruppen haben unterschiedliche Namen, aber ihre Handlungen, Ziele und Absichten sind immer gleich. Aus diesem Grund herrscht überall die Meinung, allen voran in der Türkei, dass der Terror aus einer einzigen Quelle verwaltet wird.

Als der französische Staatspräsident François Hollande die Thesen Erdoğans bezüglich des Friedens und einer sicheren Zone in Syrien verteidigte, kam es in Frankreich plötzlich zu blutigen Anschlägen. Touristische Städte wie Paris und Nizza wurden Schauplatz terroristischer Angriffe, wobei zahlreiche Franzosen und Touristen getötet wurden. Aufgrund dieser Handlungen herrscht in Frankreich seit über einem Jahr der ‚Ausnahmezustand‘. Selbst die Justiz wurde in Frankreich, dieser Wiege von individuellen Rechten und Freiheiten, für den Anti-Terror-Kampf dem politischen Willen unterworfen.

Auf die gleiche Weise wurde auch Deutschland Ziel eines Anschlages, als Bundeskanzlerin Angela Merkel im Begriff war, die auf Frieden bedachte Syrien-Politik Erdoğans zu unterstützen.

Aus dem Westen stellte sich gegen die friedvolle Syrien-Politik Erdoğans nur die derzeitige US-Regierung. Mehrere EU-Länder verhielten sich dagegen schweigsam und unterstützten somit die zerstörerische Politik Obamas.

Präsident Obama und sein Team wollten unbedingt, dass die kriegerische Auseinandersetzung in Syrien anhält, und zwangen diesen Umstand der Welt sozusagen auf. Dass das Regime im Iran, dem angeblichen Erzfeind der USA, die Politik Obamas verteidigt, scheint wie ein schlechter Scherz der Geschichte.

Es ist äußerst bemerkenswert, dass die Türkei zur Zielscheibe aller Terrororganisationen in Syrien wurde, obwohl sie sich für die territoriale Integrität Syriens und den Frieden einsetzte. Wer hätte gedacht, dass der Preis des Friedens, der Freiheit und Demokratie in Syrien so teuer sein würde.

Seit einigen Wochen wird die Türkei direkt und intensiv von syrischstämmigen Terrororganisationen wie die PYD/PKK und IS attackiert. Bei diesen Angriffen fielen Dutzende Soldaten, Polizisten und Zivilisten. Der westliche Club, dessen auch die Türkei ein Mitglied ist, verurteilt bloß diese Angriffe und spricht sein Beileid aus. Doch in ihrem Kampf gegen den IS auf syrischem Boden wird die Türkei im Stich gelassen, was äußerst dramatisch und paradox ist.

Zwar haben die USA, EU und NATO, die mit der Türkei verbündet sind, diese schon dann im Stich gelassen, als türkische Soldaten in Syrien noch nicht auf Terroristenjagd gegangen waren. Die USA und andere Länder haben ihre Luftverteidigungssysteme abgebaut und sie wieder weggebracht. Trotzdem hat die Türkei in Syrien im Alleingang angefangen, terroristische Gruppen zu bekämpfen. Die Koalitionsstreitkräfte haben bei ihren rund vierjährigen Angriffen auf den IS nicht den geringsten Erfolg erzielt. Doch die Türken fegen mit etwa 300 Soldaten und 15 Panzern die Terrorgruppen IS und PYD im wahrsten Sinne des Wortes weg, ohne dass sie dabei von der US-geführten Koalition weder aus der Luft noch nachrichtendienstlich unterstützt werden.

Nachdem die Türkei hundertprozentigen Erfolg gegen die Terrorgruppen erzielte, fingen in den bedeutenden Städten der Türkei plötzlich Bomben an, zu explodieren. Seitdem verüben die PKK/PYD und IS immer wieder Bombenanschläge. Hunderte Soldaten, Polizisten und Zivilisten wurden bislang wahllos getötet.

Wie immer haben die Verbündeten der Türkei in dem Club des Westens diese Handlungen nur verurteilt. Manche enthielten sich sogar, die Terrorgruppen PKK und PYD beim Namen zu nennen.

Nach dem Angriff des IS auf eine Silvesterparty in Istanbul kam aus dem Westen eine äußerst verwunderliche Reaktion. Als ein Zeichen der Solidarität mit der Türkei hatte die NATO die Fahnen auf Halbmast gehisst. Das war sehr verwunderlich, denn bislang hatte die NATO keine ähnliche Reaktion gezeigt, obwohl die PKK und der IS bereits hunderte türkische Soldaten getötet hatten. Eigentlich hätte sie diese Reaktion zeigen müssen. Denn türkische Soldaten sind zugleich NATO-Soldaten. Die NATO hatte für ihre eigenen Soldaten die Fahnen nicht auf Halbmast gehisst, aber für die Zivilisten, die in der Silvesternacht getötet wurden, tat sie das. Diese Haltung der NATO ist sehr eindeutig. Erst wenn sie ihre eigene Lebensweise als gefährdet betrachtet, hisst sie die Fahnen auf Halbmast. Dieses Verhalten der NATO ist zweifelsohne politisch. Sie macht eine politische Unterscheidung zwischen Tötungen und Toten, was abartig und unmoralisch ist. Die NATO trauerte niemals um ihr Mitglied, das den Terrororganisationen IS und PKK seit Jahren hunderte von Soldaten und Polizisten und tausende Zivilisten opferte, doch für den Angriff auf eine Silvesterparty trauerte sie.



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