Globale Perspektive (2018-42)

Was für eine Bildungsstrategie?

Globale Perspektive (2018-42)

Die Erklärung von Bildungsminister Ziya Selçuk beim Amtsantritt, wonach eine neue Bildungsstrategie notwendig sei und man diese in kurzer Zeit auf die Beine stellen werde, löste bei vielen Menschen Begeisterung auf. Es ist bekannt, dass ein Teil unserer Probleme in der Akademie, Bürokratie und Politik auf fehlende Strategie zurückzuführen ist. Daher ist es ein richtiger Anfang, wenn man in einer Behörde oder in einem privaten Unternehmen nach einer Strategie sucht. Dass unsere Bildung, die sich in jüngster Vergangenheit auf technischen Bedürfnisse und dringende Probleme konzentrierte, eine neue Strategie brauchte, war offensichtlich. Auf der anderen Seite sind ein wesentlicher Teil unserer Probleme auf falsche Strategien zurückzuführen. Wenn auch die Suche nach einer neuen Strategie zutreffend ist, sollten wir alle gemeinsam dazu beitragen, dass diese neue Strategie nicht eine der seit 200 Jahren dargelegten falschen Strategien ist.                    

Eine Bewertung von Prof. Dr. Kudret BÜLBÜL, dem Dekan der Fakultät für Politikwissenschaften an der Yıldırım Beyazıt Universität zu Ankara.

1.Eine Strategie, die weiß, was für ein menschliches Profil bezweckt wird: Eine Bildungsstrategie sollte in erster Linie darauf eine Antwort finden können, was für ein menschliches Profil wir brauchen, um unserem Volk eine bessere Zukunft verschaffen zu können. Das menschliche Profil, das wir heute benötigen, sollte mit nationalen und geistlichen Werten ausgestattet sein sowie globale Werte besitzen.

2.Eine Strategie mit Grundprinzipien: Nachdem menschlichen Profil wird erwartet, dass diese Strategie, eine bestimmte Philosophie oder Grundprinzipien darlegt. (die universellen Prinzipien können in sieben Punkten beschrieben werden: Eine Bildung, die Gerechtigkeitsbewusstsein gibt. Eine auf positive Denkweise ausgerichtete Bildung. Eine Bildung, die sich zum Ziel setzt, Individuen zu schaffen, die allgemeine Ethikregeln besitzen. Eine Bildung, die die Bedeutung des Arbeitens  lehrt. Eine Bildung, die darauf ausgerichtet ist, dass nicht jeder gleich ist und die Menschen nach ihren Leistungen zu bewerten sind. Eine Bildung, die mit dem Leben vereint ist. Eine Bildung, die nicht zum Auswendiglernen, sondern zum Forschen und Hinterfragen fördert).

3.Nach dem menschlichen Profil und den Grundprinzipien sollte eine den heutigen Voraussetzungen entsprechende Bedarfsanalyse durchgeführt werden. Die Bedarfsanalyse sollte in Zusammenarbeit mit den privaten Unternehmen und anderen Institutionen unter Berücksichtigung der Zukunft der Türkei, unserer Region und der Welt durchgeführt werden.  Gemäß der Bedarfsanalyse sollten die Bereiche und Eigenschaften bestimmt werden, die im Zuge des Bildungsprozesses zu vermitteln sind. Es kann schon vornerein gesagt werden, dass die Türkei kein Luxemburg, sondern ein arbeitsintensives Land ist und dementsprechend solche Kräfte benötigt werden, von daher die Berufsschulen vorzuziehen sind und das ganze System den Bedürfnissen entsprechend revidiert werden muss. Die Bedarfsanalyse sollte nicht einmalig sein, sondern permanent aktualisiert und gemäß den Lebensbedingungen revidiert werden.

4.Keine ausführende, sondern koordinierende, beaufsichtigende und steuernde Öffentlichkeit: Nachdem das zu erreichende menschliche Profil, die Prinzipien und Einrichtungen bestimmt werden, ist der springende Punkt der, ob die Bildung vollständig von der öffentlichen Hand ausgeführt werden soll oder sie eine richtungweisende, beaufsichtigende und koordinierende Rolle übernimmt. Gegenwärtig wollen Familien bezüglich der Zukunft ihrer Kinder noch mehr Mitspracherecht haben. Die Zeiten, in denen der Staat während des Kalten Kriegs ohne Rücksicht auf die Vorzüge und Bedürfnisse der Bürger seinen Lehrplan aufzwang, sind vorbei. Die Familien möchten, dass ihre Kinder eine Bildung genießen, die gegenüber ihrer Religion, Sprache und Kultur sensibler ist. Im Zuge des Globalisierungsprozesses ist der Bedarf an Fachkräften bei weitem höher als in den Zeiten des Kalten Kriegs. Die Bildungssysteme sollten in der Weise sein, die sowohl den pluralistischen Vorzügen der Familien als auch den Bedürfnissen der Märkte gerecht werden. Daher ist die Vorbereitung einer Bildungsstrategie zugleich eine Angelegenheit des Bedarfs der Freiheiten, Menschenrechte und Bedürfnisse des Marktes. Noch offener ausgedrückt sollten die Bildungssysteme verschiedenen Anforderungen der Familien wie noch muslimischer, christlicher, jüdischer, säkularer, oder noch liberaler, sozialistischer, konservativer usw. gerecht werden. Zugleich sollte sie in der globalen Atmosphäre, den Bedürfnissen des Marktes gegenüber, die sich des Öfteren ändern, sensibler sein. Es ist mit einer Bildung, die nur durch die öffentliche Hand vermittelt wird, nicht möglich, den unterschiedlichen Vorzügen der Familien und den sich stets ändernden Bedürfnissen des Marktes gerecht zu werden.  Daher sollte unsere Bildungsstrategie nicht jene sein, die von der Öffentlichkeit ausgeführt, sondern von ihr koordiniert, beaufsichtigt und gesteuert wird. Gegenwärtig sollte der Trend im Zusammenhang der vermehrten Teilhabe der Zivilgesellschaft und des Privatsektors in der Bildung beschleunigt werden (Dieses Modell wird im Gesundheitssektor erfolgreich umgesetzt).  Über die Fehler der Zivilgesellschaft und des Privatsektors kann gesprochen werden. Diese Kritik kann auch völlig berechtigt sein. Jedoch ist unsere Zivilisation, eine stiftende Zivilisation. Persönlichkeiten wie Avicenna, Gazali, Mevlana, Harezmi, Mullah Fenari wurden in den Einrichtungen dieser Stiftungen ausgebildet. Wenn auch dem Austrocknen nah, sollten wir diesen Fluss wieder mit Wasser versorgen und es von seiner Asche hervorbringen. Auf der anderen Seite ist es in den Ländern wie die Türkei, in denen der Bevölkerungsanteil an Jugendlichen sehr hoch ist, jedoch die Geburtenrate zurückgeht, nicht möglich den Aufwand für neue Schulen, Lehrer sowie für alle Bedürfnisse der Bildung durch staatliche Quellen zu decken. Wegen der zurückgehenden Geburtenrate, werden nach einer Zeit die Schulen nicht mehr erforderlich sein und die Lehrer werden keine Schüler mehr finden können, die sie unterrichten können. Daher ist es rationell, schon jetzt die Kosten mit dem Privatsektor aufzuteilen.

5.Die Schüler nicht bis zum letzten Punkt tragenden, sondern sie nach Begabungen fördernde Strategie: Eines der grundlegendsten Probleme unseres gegenwärtigen Bildungssystems ist, dass unsere Jugendlichen weil nicht gesteuert, bis zu den Toren der Unis oder den Berufsschulen getragen werden. Während der Bedarf des Landes an Berufen, die auch als Karriereberufe bezeichnet werden, sehr begrenzt ist, ist es ein großer Verlust sowohl für unser Land als auch für die Jugendlichen selbst, dass sie mit dieser bitteren Wahrheit am Endspurt konfrontiert werden. Daher sollte unsere Bildungsstrategie beginnend von der Grundschule, die Kinder nach ihren Begabungen steuern.

6.Eine, dem internationalen Wettbewerb offene Strategie: Die Türkei verwandelt sich immer mehr zu einem Zentrum für ausländische Studenten. Unser Staatspräsident hat bei der akademischen Eröffnung von YÖK gesagt, dass sich in der Türkei etwa 143 Tausend ausländische Studenten befinden. Unser Ziel ist es, im globalen Wettbewerb diese Zahl noch weiter zu erhöhen. Um noch mehr ausländische Studenten anlocken zu können, sollte unsere Bildungsstrategie so sein, dass die öffentlichen Angestellten noch bewusster werden, die Universitäten sich spezialisieren, der Privatsektor neue Investitionen tätigt und die Gesetzgebung revidiert wird (Beispielsweise tun sich ausländische Studenten am meisten mit dem Seminar „Revolutionsgeschichte“ schwer. Über die Notwendigkeit dieses Seminars für die ausländischen Studenten sollte noch einmal nachgedacht werden).

7.Keine unitäre, sondern den lokalen Bedürfnissen sensible Strategie:  Diese Strategie sollte in verschiedenen Provinzen, unterschiedlichen Schulen Gelegenheit geben. Es sollte zudem möglich sein, dass die Schulen je nach Bedarf der Provinz in unterschiedlichen Zeiten geöffnet und geschlossen werden.

Beenden wir mit den Worten von Jack Ma, dem CEO eines Riesen im Online-Handel: “Bildung ist eine wichtige Angelegenheit. Wenn wir unseren Lehrstil nicht ändern, können wir in Schwierigkeiten geraten. Denn unser Lehrstil und das was wir lehren ist ein Überbleibsel von vor 200 Jahren. Sie sind noch intelligenter. Werte, glauben, freies Denken, Teamarbeit und andere wertschätzen. Es sind menschliche Begabungen. Das Wissen kann uns dies nicht vermitteln. Damit die Menschen verstehen, dass sie sich voneinander unterscheiden, sollten wir ihnen die Kunst beibringen. Was wir lehren, sollte sie sich von Maschinen unterscheiden.“



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