Globale Perspektive (2018-45)

Europäischer Islam

Globale Perspektive (2018-45)

Seit einiger Zeit wird intensiv über den Islam in Europa diskutiert. Die Diskussionen sind überwiegend im Zusammenhang mit den Muslimen. Unterdessen sind die Diskutierenden im Grunde die europäischen Saaten, Sicherheitseinrichtungen sowie westliche Akademiker und Schriftsteller.

Wir bringen eine Bewertung von Prof. Dr. Kudret BÜLBÜL, dem Dekan der Fakultät für Politikwissenschaften an der Yıldırım Beyazıt Universität zu Ankara.

Die Diskussion ist eigentlich nicht unangebracht. Mit der Globalisierung leben Menschen unterschiedlicher Identitäten, Kultur, Religion und Sprache noch mehr miteinander. Während dieses Miteinander für Staaten, wie die Osmanen ein sehr bekanntes Thema war, ist es für den Westen neu. Während in den vergangenen Jahrhunderten die Beziehung der westlichen Staaten mit Ländern anderer Religion und Kultur „Ausbeutender“ und „Ausgebeuteter“ war, hat sich das mit der Migration von Menschen aus diesen Ländern dahingehend entwickelt, dass die westlichen Staaten mit Unterschieden konfrontiert worden sind. Da diese Zeit auch eine Epoche des modernen, zentralen und einheitlichen Nationalstaates war, war es auch eine Zeit, in der es schwierig gewesen ist, dass Unterschiede miteinander lebten.

Eine mit dem Islam harmonische Europäische Kultur

Wenn heute die Menschen unterschiedlicher Geschichte, Religion und Kultur noch mehr miteinander leben, dann werden sich natürlich über die Konsequenzen dieses Umstands die Staaten, Institutionen und Intellektuellen intensiver interessieren. Wenn mit dem europäischen Islam nicht die nach Europa eingewanderten unterschiedlichen islamischen Praktiken, sondern die aus Europa hervorgegangenen und mit dem Islam harmonischen Praktiken gemeint sind, dann ist das ein recht verständlicher Umstand. Wenn man mit dem europäischen Islam in den Bereichen wie Religion, Kultur, Methode einen bestimmten Anteil an Lokalität versteht, sieht der Islam diese Lokalität ohnehin schon vor. Wenn auch der Sinn und das Verständnis sowie die Praktiken des  Islam in der Türkei mit dem in Fernost, auf dem Balkan und in Nahost das Gleiche sind, weichen sie in gewissem Maβe voneinander ab.  In diesem Rahmen ist es sehr verständlich, wenn die europäischen Muslime nicht nur eine mit dem Islam  ihrer Herkunftsstaaten harmonische islamische Praxis, sondern sofern es innerhalb des Islam bleibt, eine mit dem Islam harmonische europäische Kultur und Lebensweise hervorbringen. Genauso wenn nicht gutgeheißen würde, wenn versucht wäre,  das alltägliche Leben, die Praktiken, die kulturellen Elemente sowie das Verständnis in Kunst, Literatur  in Afrika in der Türkei oder in einem anderen Land gedeihen zu lassen, sollte man auf der anderen Seite auch verstehen, dass es nicht gutheißen wird, wenn man das in Europa umsetzt. Das nicht gutheißen hat im Grunde nicht mit dem Falschsein dieser kulturellen Elemente, sondern mit dem  Bewusstsein des Vorhandenseins von kulturellen Elementen zu tun, die mit der eigenen Geographie harmonisch sind. Im Zusammenhang mit der gemeinsamen Kultur, die man in bestimmten Maβe in der fremden Geselllschaft aneignet, können in einer offenen und zivilisierten Menschen aus anderen Staaten darum bemüht sein, ihre eigene Kultur aufrechtzuerhalten.

Ein mit dem Islam harmonische Europakultur sollte nicht nur aus der Perspektive der nach Europa immigrierten Menschen, sondern auch aus Sicht von Europa selbst bewertet werden. Wenn wir über eine mit dem Islam harmonische Europakultur reden, sprechen wir auch über die Notwendigkeit des Fernbleibens von Rassismus, Faschismus und Nazismus, die in der kulturellen Genetik von Europa vorhanden sind. In einigen Situationen wird der europäische Islam dafür genutzt, um auszudrücken, dass die nach Europa gekommenen Menschen die universellen Werte wie Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte, Pluralismus und das Miteinanderleben mit Unterschieden nicht besitzen. Eigentlich kann man sagen, dass sich die Europäer in jüngster Zeit von diesen Werten noch mehr distanziert haben. Als erstes fällt einem der Ansatz auf, der die Flüchtlinge nicht als Menschen sieht sowie gegen Fremde und dem Islam ist. In den Umfragen sieht man, dass die Furcht vor unterschiedlichen Menschen sowie das Ablehnen von fremden Menschen als Arbeitskollegen und Nachbar steigt.

Kein freiheitlicher, sondern auf Sicherheit bedachter europäischer Islam-Ansatz

Wenn man auf das Geschriebene und die Praktiken von europäischen Staaten schaut, sieht die Diskussion des europäischen Islam nicht nach einer aus, in der über Kultur und Werte diskutiert wird. Die Herangehensweise von europäischen Staaten ist vielmehr im Zusammenhang mit der Sicherheit. Daher werden die Arbeiten nicht im Zusammenhang mit der Kultur, dem Miteinander oder Pluralismus, sondern bezüglich der Arbeit von Sicherheitsbehörden geführt. Wenn es ein Sicherheitsproblem gibt, dann werden natürlich die entsprechenden Maßnahmen getroffen werden. Das steht nicht zur Debatte. Doch mehrere Millionen Menschen interessierende zivile, soziale, kulturelle und politische Angelegenheiten nur im Zusammenhang mit der Sicherheit zu betrachten, kann das Problem nur vertiefen.

Dass Staaten gegen neue Umstände, an die sie nicht gewohnt sind, Regeln aufstellen ist ganz selbstverständlich. Doch diese Bemühungen sollten zum Verständnis sein, sondern nicht zum Unterdrücken, Umwandeln oder Verdammen.  Anstatt den Gebilden wie Islamräte direkte und überwiegend Personen mit keinem direkten Zusammenhang mit dem Islam zu berufen, sollte gefördert werden, dass diese Räte von den Muslimen gebildet werden.  Diese Arbeiten sollten nicht von den Sicherheitsbehörden, sondern von zivilen Einrichtungen geführt werden.

Was den Muslimen zuteilwird …

Es ist nicht ethisch im Zusammenhang mit dem europäischen Islam zu sagen, dass die Muslime das tun, was ihnen zuteilwird und demzufolge nur die betreffenden Länder zu kritisieren. Wenn gegenwärtig die Muslime Probleme im Zusammenhang mit Bildung, Wirtschaft, Politik und akademische Beteiligung haben und ihre Kriminalitätsrate hoch  und ihre Arbeitskultur nicht ausreichend ist, so tragen die Muslime und ihre Organisationen zweifelsohne große Verantwortung. Zudem sollte auch auf deren Probleme im Zusammenhang mit Vertretung und Ausdruck hingewiesen werden. Es wird von ihnen erwartet, dass sie mit noch mehr Zusammenarbeit mit den Behörden in den betreffenden Ländern sowie mit offener und direkter Beziehung das Klima der Angst wettmachen. 

Was bringt der Islam Europa, der seine Gesellschaftsfähigkeit verloren hat?

Das was bestimmte Kreise mit dem europäischen Islam erreichen wollen, ist, ein Islam oder ein Moslem, der von allen seinen Ansprüchen im Zusammenhang mit der Gesellschaft, Familien und dem Menschen befreit ist. Doch in Europa sind zugrunde gehende Familien, elternlose Kinder, Inzest, gleichgeschlechtliche Beziehungen, Drogenkonsum sehr weit verbreitet.  

Europa erlebt hinsichtlich der gesellschaftlichen Werte eine Zeit, in der alles Menschliche verloren geht und wegen des hohen wirtschaftlichen Befriedungsniveaus den Menschen legale und normale Beziehungen nicht genügen. Islamische Werte sind in diesen Themen vielleicht nicht besetzte letzte Burgen. Daher würde ein Islam, der seine Ansprüche hinsichtlich der Gesellschaft, Familie und dem Menschen verloren hat, nur den Niedergang Europas beschleunigen.

Christen und Juden sollten die Moslems unterstützen

Dass so ein Islam nichts bringen wird, haben wir bei ähnlichen Prozessen gesehen, die das Judentum und Christentum durchlebt haben. Ich denke, dass von einem solch einer Erosion von gesellschaftlichen Werten, dem moralischen Untergang und dem überaus hohem Egoismus auch die Juden und Christen sich gestört fühlen. Auch die Säkularen, die sich auch von dem vollständigen Verschwinden der menschlichen Werte gestört fühlen. Im Grunde sollten dem Verschwinden dieser Werte auch die Christen und Juden Reaktion zeigen.

Europäischen Moslems sollten ihre eigene Agenda beherrschen

Über all dies hinaus sollten alle Muslime in Afrika, Amerika, China, Indien, Nahost und hinsichtlich unseres Themas auch in Europa ihre eigene Agenda beherrschen. Wie das sein soll, werden wir nächste Woche erzählen.



Nachrichten zum Thema